Kolumne - Berichte aus der Praxis

Kolumne

Ein KunstStückchen

Vielleicht hatten Sie ja mal einen Kopierer von Rank-Xerox. Dann kennen Sie vielleicht auch das architektonisch interessante Rank-Xerox-Haus im Stadtteil Lörick, das in 1970 fertiggestellt und in 1994 in die Denkmalliste der Stadt Düsseldorf eingetragen worden ist. Möglicherweise erinnern Sie sich sogar an die postalische Firmenadresse: Emanuel-Leutze-Straße.

Doch wer war dieser Emanuel Leutze? Wir kennen ihn nur wenig. Aber in Amerika kennt ihn jedes Schulkind, auch wenn der Name auf Englisch kaum auszusprechen ist. Wer das Metropolitan Museum in New York besucht , wird sicherlich vor der ikonischen Darstellung der amerikanischen Geschichte „Washington crossing the Delaware“ stehen bleiben.

Das Gemälde stellt eine Szene im Unabhängigkeitskrieg dar, kurz vor der entscheidenden Schlacht gegen die Engländer. In der Mitte des 19. Jahrhunderts galt Leutze als bekanntester Maler der Vereinigten Staaten. Marc Twain überliefert, dass Stiche nach den Werken Leutzes „in jedem besseren Haus über dem Kaminsims „ hingen - was ihm schon langsam auf die Nerven ging. Die Pointe der Geschichte ist: Diese patriotischen Erbauungsbilder für Amerikaner stammen von einem Deutschen. Emanuel Leutze wurde 1816 in Schwäbisch Gmünd geboren, auch wenn er 1868, gerade mal 52 Jahre alt, in Washington starb.

Im Alter von 9 Jahren war er mit seiner Familie aus politischen Gründen nach Amerika ausgewandert, kehrte aber immer wieder für längere Aufenthalte nach Deutschland zurück und entschied sich 1840 für ein Studium an der Kunstakademie von Düsseldorf, damals Teil der preußischen Rheinprovinz und von Wilhelm von Schadow geleitet. Nicht einmal München konnte damals mit Düsseldorf mithalten.

Mehr noch: Seine wichtigsten Werke wurden in Düsseldorf gemalt, wo Leutze um 1850 zu den bekanntesten Vertretern der Düsseldorfer Malerschule zählte. Er gilt als einer der großen Koloristen in der Malerei des 19.Jahrhunderts. Ironie der Kunstgeschichte ist, dass sich Leutzes Werke im Grunde an ein deutsches Publikum richteten. Sie wollten den Landsleuten mit ihren 1848 gescheiterten Hoffnungen auf ein republikanisches Deutschland zurufen: Gebt uns einen wie George Washington, dann werden wir auch hier ein geeintes, freies Land werden.

Im Juli 1851 wurde das Gemälde „Washington überquert den Delaware“ vor dem Transport nach Amerika in Düsseldorf ausgestellt, sodass die Düsseldorfer Abschied nehmen konnten, sicherlich ohne zu ahnen, welche patriotische Bedeutung es in Übersee erlangen sollte. Falls Sie sich das Gemälde „Washington crossing the Delaware“ genau ansehen, dann erkennen Sie mit ein wenig gutem Willen vielleicht Strom-schnellen des Rheins auf der Höhe von Kaiserswerth und links oben eine Bucht auf der Seite von Meerbusch. Sie müssen aber nicht nach Washington oder Cincinnati reisen, das Museum Kunstpalast verfügt über eine großartige Sammlung von hervorragenden Werken der Düsseldorfer Malerschule. Ein Besuch dort lohnt sich allemal.

 

Hans-Werner Hausmann